Ein Schatz für Entdecker

Pressereisen werden lange im Voraus geplant. Deshalb kann niemand etwas dafür, dass es jetzt schneit. Mitten im Mai, auf knapp über 1000 Meter Höhe. Ich war schon einige Male in Albanien, schließlich ist mein Vater dort geboren. Aber auf dieser Reise ist einiges neu für mich: Die Gruppe mit sechs journalistischen Reiseprofis. Das schlechte Wetter. Und der Urwald. Ich wußte nicht, dass Buchenurwälder ein Band quer durch Europa ziehen. Sie sind Unesco-Weltnaturerbe. Hier in Albanien ist der Nationalpark noch kaum erschlossen.

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Die Hänge vor unserer Tür sind weiß überzuckert, unten regnet es in Strömen. Wer kann, rettet sich in die Bar auf der anderen Seite des Forstwegs. Fatmir Tupi, der Wirt, röstet Weißbrotscheiben über dem offenen Feuer, serviert hausgebrannten Raki und einen Schafskäsebrei mit Hühnerinnereien. Nicht jedermanns Geschmack ist das. Aber so wird hier gegessen, schon immer. Während die Fensterscheiben beschlagen, füllt sich der Raum mit dem blauen Zigarettenrauch der Männer. Knapp bekleidete albanische Tänzerinnen erscheinen im Bewegtbild über der Bar. Wir sind froh, dass Fatmir Tupi immer neue Schüsseln auf den langen Tisch in der Mitte stellt. Wir sitzen hier jetzt schon seit Stunden.

 

Am nächsten Tag klart es auf, weiß betupfte Bergspitzen, Kräuterwiesen und glasklare Seen zeigen sich blank geputzt vom Regen.

„Jetzt könnt ihr losgehen“, sagt Laurenc, der Sohn des Barbesitzers, setzt seine Wollmütze auf und kommt gleich mit. Er ist kein richtiger Ranger, keiner von denen, die mit einem Abzeichen auf dem Pullover den Bauern erklären, dass die Jagd nun unter allen Umständen verboten ist und kein Holz geschlagen werden darf. Er ist einfach da, wenn Gäste einen Guide brauchen, denn diese Landschaft ist seine. Mit 31 Jahren war er noch nie fort, selbst seine Schwester in Miami hat er nicht besucht.

 

Während er nun vor dem grünblauschillernden See steht, das leuchtende Frühlingsgrün im Hintergrund, strafft sich sein Rücken

sichtbar: „Wir brauchen keine asphaltierte Straße in den Park“, sagt er stolz. „Dann kommen nur die Kerle mit ihren Jeeps, fahren

Rallyes und saufen Bier.“  Was Laurenc für seinen Park vorschwebt, ist eine geräuscharme Gleitbahn, vielleicht, oder Themenwanderungen.

 

So sanft wie Laurenc den Nationalpark wachküssen möchte, so sanft können – noch – große Teile des Landes entwickelt werden. Albanien ist ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte Europas, der nur langsam Farbe annimmt. Es ist ein Nachzügler in einer Branche, die gerade in armen Ländern oft auf schnelles Geld durch Masse gesetzt hat. Das angekratzte Image des Drei-Millionen-Einwohner-Landes tat das Seine, um Urlauber und Investoren abzuhalten. In der Wahrnehmung von außen ist Albanien vor allem geprägt durch Mafia-Banden, eine übernatürlich hohe Mercedes-Dichte und die Narben eines brutalen, wahnwitzigen Sozialismus.


Der
Shebenik-Jabllanicë-Nationalpark beispielsweise wird in den meisten Reiseführern kaum erwähnt. Er wurde erst 2008 eingerichtet und ist der jüngste Park in Albanien. Seit 2017 gehört sein Buchenurwald zudem zum Unesco-Weltnaturerbe. In dem Park an der mazedonischen Grenze leben Bären, ein Pärchen des gefährdeten Balkan-Luchses wurde gesichtet. Von den rund 2200 Meter hohen Gipfeln reicht der Blick bis zur Adria. Immerhin können Besucher inzwischen auf 13 markierten Wander- und Mountainbike-Strecken zwischen sieben und 42 Kilometern Länge diese großartige Landschaft erkunden.


Manchmal entsteht Naturschutz aus der blanken Not. Albanien ist so arm, dass sich viele Bauern nicht einmal Pestizide leisten können. Sie verwenden seit Jahrhunderten das gleiche, unveränderte Saatgut. Inzwischen gibt es manche alten Gemüsesorten nur noch hier. Das hat sich auch die albanische Küche zu eigen gemacht. Zur ausgeprägten Slow-Food-Szene gehört TV-Chef Gëzim Musliaka, der traditionelle Rezepte sammelt, oder die Familie Uka, die einen Bio-Lehrgut nahe der Hauptstadt Tirana betreibt.

 

Vater Rexhep - erster demokratischer Agrarminister des Landes und Bioprofessor - experimentiert mit Insektenfallen und Gemüsesorten, deren Schädlinge sich gegenseitig fressen. Sohn Flori, studierter Önologe mit Abschluss aus Udine, sammelt und belebt einheimische Rebsorten wie den roten Kellmet. Er kauft handverlesene Trauben bei rund 200 Kleinstbetrieben und keltert sie zu einem modernen Wein. „Wir wandern durch den Garten, treffen uns zwischen den Obstbäumen und hoffen, dass daraus mal ein Geschäft wird“, beschreibt Vater Uka die kommerziellen Absichten des im ganzen Land bekannten Bio-Restaurants wie eine Szene aus Shakespeares Sommernachtstraum.


So wie Albanien hervorragende Weine hervorgebracht hat, ist auch die Kultur von Einflüssen aus aller Welt gespeist.  Butrint und Gjirokaster im Süden, Berat und Elbasan in Mittelalbanien, der Ohridsee im Osten und die Burg bei Shkoder im Norden zeugen von römischen Ausgrabungen, orientalischen Märkten Architektur, alten Kirchen.


Ein gutes Beispiel ist das wunderschöne orthodoxe Kirchlein Shen Kollit außerhalb von Elbasan. Es überlebte den Kommunismus als Kulturdenkmal. Onufri, Albaniens größter Ikonenmaler aus dem 16. Jahrhundert, hat die Kirche bemalt. Sein berühmtes Rot umrahmt die feinen Gesichter als verblasster Heiligenschein, schwarzblau ist der  Hintergrund der Gemälde. Doch so hingebungsvoll die Kunst, so zerstörerisch die Revolution: Den gemalten Figuren wurden Augen ausgekratzt, Risse ziehen wie Blitzschlag über die Wände. Solange diese Kirche nicht renoviert wird, trägt sie in aller Sanftheit und aller Härte die Insignien Albaniens: Tradition und Geschichtsvergessenheit - so zerrissen, wie das ganze Land sich sieht.

 

Auf dieser Reise bleibt unser Einblick in den Buchen-Urwald nur flüchtig. Wir müssen weiter, Pressereisen sind in jeder Stunde durchgetaktet. In unserer Unterkunft, dem kleinen Schutzhaus des Nationalparks, bleibt mein Blick am großen Kamin hängen. Hier kann man im Winter nach Skiwanderungen die Berge die Felle trocknen, erklärt ein Ranger. Ein verlockendes Abenteuer, zu einer anderen Zeit.


Ex-Agrarminister Uka erinnert sich an die ersten Jahre nach der Öffnung. 1992, als die staatlichen Mittel kaum reichten, um eine ausgehungerte und orientierungslose Gesellschaft zu ernähren. Der Tourismus war in den 90er-Jahren nur ein Stern am fernen Himmel. Seitdem habe sich das Land verändert, sagt er: „Vor zehn Jahren gab es bei uns noch Blutrache. Heute stehen die Männer mit dem Schnauzer im Hotel am Buffet und servieren Frühstück.“ Der sanfte Tourismus, er kann kommen!

Pressereise auf Einladung von Reisen mit Sinnen

Text und Fotos erschienen am 20./21. Juli 2019 in den Vorarlberger Nachrichten

Inzwischen bietet Naturerlebnis Albanien Touren durch den Shebenik-Jabllanicë-Nationalpark an.  https://www.naturerlebnis-albanien.de/nationalparke/shebenik-jabllanice-nationalpark/, abgerufen am 16. Juni 22

Mehr zur Ausbildung von interkulturellen Tourguides in Albanien im Weltjournal Tourismus, hg. von Brot für die Welt/Tourism Watch, https://shop.brot-fuer-die-welt.de/WeltJournal-Tourismus-Zwischen-Wunsch-und-Wirklichkeit/129700650

Stephanie von Aretin

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