Ein Schatz für Entdecker

Albanien: Naturparks, Slow Food, orientalische Kultur: Hier fühlen sich Abenteuer wohl

Von Stephanie von Aretin

Shebenik-Jabllanica/Tirana. In den Bergen ist Schnee angesagt, draußen regnet es in Strömen. Wer kann, der rettet sich in eine der drei Bars des Nationalparks Shebenik-Jabllanica. Fatmir Tupi, der Wirt, röstet Weißbrotscheiben über dem offenen Feuer, serviert hausgebrannten Raki und einen Schafskäsebrei mit Hühnerinnereien. Nicht jedermanns Geschmack ist das. Aber so wird hier seit jeher gegessen. Während die Fensterscheiben beschlagen, füllt sich der Raum mit dem Zigarettenrauch der Männer, die auf albanische Tänzerinnen im Fernsehen über der Bar starren.

 

Am nächsten Tag klart es auf, weiß betupfte Bergspitzen, Kräuterwiesen und glasklare Seen zeigen sich blank geputzt vom Regen.

„Jetzt könnt ihr losgehen“, sagt Laurenc, der Sohn des Barbesitzers, setzt seine Wollmütze auf und kommt gleich mit. Er ist kein richtiger Ranger, keiner von denen, die mit einem Abzeichen auf dem Pullover den Bauern erklären, dass die Jagd nun unter allen Umständen verboten ist und das Holz nicht geschlagen werden darf. Er ist einfach da, wenn Gäste einen Guide brauchen, denn diese Landschaft ist die Seine. Mit 31 Jahren war er nie fort, hat selbst seine Schwester in Miami nicht besucht.

 

Während er nun vor dem grünblauschillernden See steht, das leuchtende Frühlingsgrün im Hintergrund, strafft sich sein Körper

erkennbar: „Wir brauchen keine asphaltierte Straße in den Park“, sagt er stolz. „Dann kommen nur die Kerle mit ihren Jeeps, fahren

Rallyes und saufen Bier.“  Was Laurenc für seinen Park vorschwebt,ist eine geräuscharme Gleitbahn, vielleicht, oder Themenwanderungen. So sanft wie Laurenc den Nationalpark wachküssen möchte, so sanft können – noch – große Teile des Landes entwickelt werden. Albanien ist ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte Europas, der nur langsam Farbe annimmt. Es ist ein Nachzügler in einer Branche, die gerade in armen Ländern oft auf das schnelle Geld durch Masse gesetzt hat. Das angekratzte Image

des Drei-Millionen-Einwohner- Landes tat das Seine, um Urlauber und Investoren abzuhalten. In der Wahrnehmung von außen ist Albanien vor allem geprägt durch Mafia-Banden, eine übernatürlich hohe Mercedes-Dichte und die Narben eines brutalen, wahnwitzigen Sozialismus.

Doch unter der Korruption leiden vor allem Einheimische, die  Mafia wiederum ist vorzugsweise in reichen Ländern aktiv. Gerade in seiner Unberührtheit und Originalität hat Albanien daher für Abenteurer und Entdecker einen besonderen Reiz. Nur zwei Flugstunden von Frankfurt entfernt sind gerade die Berge touristisches Neuland. Jetzt haben sie einige spezialisierte Reisebüros mithilfe lokaler Agenturen ins Programm genommen.

Der Nationalpark Shebenik-Jabllanica beispielsweise wird in den meisten Reiseführern kaum erwähnt. Er wurde erst 2008 eingerichtet und ist der jüngste Park in Albanien. Seit 2017 gehört sein Buchen-Urwald zudem zum Unesco-Welterbe. In dem Park an der mazedonischen Grenze leben Bären, ein Pärchen des gefährdeten Balkan-Luchses wurde gesichtet. Von den rund 2200 Meter hohen Gipfeln reicht der Blick bis zur Adria. Immerhin können Besucher inzwischen auf 13 markierten Wander- und Mountainbike-Strecken zwischen sieben und 42 Kilometern Länge diese großartige Landschaft erkunden.

Albanien ist so arm, dass sich viele Bauern nicht einmal Pestizide leisten, sie verwenden seit Jahrhunderten das gleiche Saatgut. Neben dem Naturschutz hat auch die albanische Küche aus dieser Not eine Tugend gemacht. Zur ausgeprägten Slow-Food-Szene gehört zum Beispiel TV-Master Chef Gëzim Musliaka, der traditionelle Rezepte sammelt, wie das in Joghurt marinierte und gebackene Lammfleisch Tave, und sie mit italienischer Technik verfeinert.

Ebenso berühmt ist die Familie Uka, die sich dem Anbau alter albanischer Pflanzenarten verschrieben hat. Sie betreibt einen Lehr-Bauernhof nahe der Hauptstadt Tirana. Vater Rexhep - erster demokratischer Agrarminister des Landes und Bioprofessor - experimentiert mit Insektenfallen und Gemüsesorten, deren Schädlinge sich gegenseitig fressen. Sohn Flori, studierter Önologe mit Abschluss aus Udine, sammelt und belebt einheimische Rebsorten wie den roten Kellmet. Er kauft handverlesene Trauben bei rund 200 Kleinstbetrieben und keltert sie zu einem modernen Wein. „Wir wandern durch den Garten, treffen uns zwischen den Obstbäumen und hoffen, dass daraus mal ein Geschäft wird“, beschreibt Vater Uka die kommerziellen Absichten des im ganzen Land bekannten Bio-Restaurants wie eine Szene aus Shakespeares Sommernachtstraum.

So wie Albanien hervorragende, aber in Vergessenheit geratene Weine hervorgebracht hat, ist auch die Kultur von Einflüssen aus aller Welt gespeist.  Butrint und Gjirokaster im Süden, Berat und Elbasan in Mittelalbanien, der Ohridsee im Osten und die Burg bei Shkoder im Norden zeugen von römischen Ausgrabungen, orientalischen Märkten Architektur, alten Kirchen.

Ein gutes Beispiel ist das wunderschöne orthodoxe Kirchlein Shen Kollit außerhalb von Elbasan. Es überlebte den Kommunismus als Kulturdenkmal. Onufri, Albaniens größter Ikonenmaler aus dem 16. Jahrhundert, hat die Kirche bemalt. Sein berühmtes Rot umrahmt die feinen Gesichter als verblasster Heiligenschein, schwarzblau ist der  Hintergrund der Gemälde. Doch so hingebungsvoll die Kunst, so zerstörerisch die Revolution: Den gemalten Figuren wurden Augen ausgekratzt, Risse ziehen wie Blitzschlag über die Wände. Solange diese Kirche nicht renoviert wird, trägt sie in aller Sanftheit und aller Härte die Insignien Albaniens: Tradition und Geschichtsvergessenheit - so zerrissen, wie das ganze Land sich sieht.

Ex-Agrarminister Uka erinnert sich an die ersten Jahre nach der Öffnung 1992, als die staatlichen Mittel kaum reichten, um eine ausgehungerte und orientierungslose Gesellschaft zu ernähren. Der Tourismus war in den 90er-Jahren nur ein ferner Stern am Himmel. Seitdem habe sich das Land verändert, sagt er: „Vor zehn Jahren gab es bei uns noch die Blutrache. Heute stehen die Männer mit dem Schnauzer im Hotel und servieren Frühstück.“ Der sanfte Tourismus, er kann kommen!

Erschienen am 20./21. Juli 2019 in den Vorarlberger Nachrichten