Wanderung im Wunderland

Ich bin gekommen, um zu wandern. Durch die Wildnis. Und zu schreiben - über die Wildnis. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Im April 2021 haben die Seychellen als eines der ersten Länder der Welt wieder für Touristen geöffnet. Impfquote nach eigenen Angaben: 90 Prozent. Auf der Hotelterrasse bin ich allein. Vor mir der Indische Ozean, der weiße Strand und die Palmen. Alles leer. Nur in den Bergen bin ich nicht allein. Denn auch die Seychellois gehen jetzt wandern.

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Hundert Stufen nach oben

Um zehn Uhr morgens steht die Sonne bereits hoch am Himmel, als wir uns auf den Weg zum Mont Sébert macht. 555 Meter ist der Gipfel hoch - eigentlich keine besondere Hürde. Doch das Klima hier vor der Küste Ostafrikas ist heiß, feucht und tropisch. Schon auf den ersten Metern geht es steil bergauf. Aus dem Tal heraus führen mehr als einhundert kniehohe Stufen - der tägliche Weg für eine Großfamilie, an deren Obstgarten der Trail entlang führt. Die Böden sind so fruchtbar, dass alles, was einmal angepflanzt wurde, wild weiterwächst: Zitronengras und Zimt, Avocado und Ananas, Bananen und Kaffee. Kokospalmen nicken sich mit filigranem Wedeln zu.

Flipflops und Yoga

Unsere Gruppe besteht aus drei eingefleischten Wanderfans und mir. Kerly, überzeugter Yogi, braucht für den Aufstieg auf den Mont Sébert weder Wasser noch richtiges Schuhwerk. Ihm reichen Flipflops, die er wie die meisten Bewohner Mahés ständig trägt. Restaurant-Manager Vishal stammt aus Mauritius und kann den Wind an den Wellen ablesen. Suny, Literaturprofessorin aus China mit Lehrauftrag auf den Inseln, hat die Figur einer Hochleistungsakrobatin. Ich werde ein wenig nervös, ob ich der tropischen Gipfelbesteigung mit diesen Gefährten gewachsen bin.

Wurzeln, überirdisch

Doch schon unsere erste Station versöhnt mich mit dem Schweiß, der vom Gesicht über den Hals in den Kragen strömt. Die Lichtung rund um das Gehöft ist wie ein Garten Eden, überreich beschenkt mit Blüten, Früchten und Farben. Auf ihr wachsen rote Pflaumen mit watteartigem weißen Fleisch, blauschimmernde Beeren, so hart wie Kieselsteine, und massige Brotfrüchte mit gelbgrüner Gänsehaut. Doch kaum ist der Garten durchquert, wird der Tropenwald still und dunkel. Die gewaltigen Stämme alter Baumriesen ragen in die Höhe, über dem Blätterdach schweben weit gefächerte Kronen. Durch rostbraune Steine rieselt das eisenhaltige Wasser. Das grüne Dickicht staffelt sich von spitzblättrigen Stauden über hängende Pflanzenteppiche bis zu bemoostem Fels. Wundersame Wurzeln wachsen auf Hüfthöhe überirdisch aus einem Stamm.

Diese einzigartige Pflanzenwelt zu erhalten, ist längst ein internationales Anliegen. Neben den Korallenriffen ist mehr als die Hälfte der Landfläche der Seychellen in Nationalparks geschützt, weil viele Nutzpflanzen stark invasiv sind. Erst im oberen Drittel der Berghänge finden sich oft die endemischen Arten, sogenannte Baumfarne, die bis zu sieben Meter hoch werden, und die fleischfressende Kannenpflanze. Während die Regierung und internationale Organisationen den Wert der Vegetation erkannten und Schutzzonen einrichteten, zogen viele Seychellois nur zögerlich mit. Das Landesinnere diente ihnen manchmal allenfalls als illegaler Müllplatz.

Doch wenn Kerly durch die reiche Vegetation wandert, denkt er an seine Vorfahren. "Meine Großmutter weiß so viel über alte Heilkräuter und die Macht der Gezeiten", sagt er. "Ich habe es mir zu Aufgabe gemacht, die Verbindungen meiner Vorfahren in andere Kontinente zu erforschen und ihre Traditionen zu beleben." Ein strenges Fastenregime gehört für den jungen Mann genauso dazu wie lange Wanderungen durch die Natur.

Jetzt nicht nach unten schauen

Die Tour auf den Mont Sébert ist einer der anspruchsvolleren Trails auf Mahé, der Hauptinsel des Archipels.  Schon bald wird die Vegetation dünner, mannshohe grün bemooste Felsbrocken verstellen den Weg. Kaum sind die überwunden, taucht eine gewaltige Schräge aus Vulkangestein auf. Nur dank der Rillen im rauen Fels ist es möglich, den Hang zu erklimmen. Nicht nach unten schauen, gibt Kerly als Devise aus, während sich die Freunde auf allen Vieren nach oben hangeln.

Ein Denkmal für drei Kontinente

Oben angekommen, ist es Zeit für eine kleine Geschichtsstunde. „Hast du das Monument in Viktoria gesehen?“, fragt Kerly und setzt zu einem Parforceritt über die 115 Inseln an, die gemeinsam Seychellen heißen. „Die drei ineinandergreifenden Flügel stehen für unsere Identität: Wir sind Afrika, Asien und Europa zugleich.“ Vor 250 Jahren wurden die Inseln zunächst von Piraten besiedelt. Später kamen und gingen französische und englische Kolonialherren, afrikanische Sklaven mussten auf den Plantagen schuften.

Blick auf einzigartige Korallenriffe

Nach rund zweieinhalb Stunden ist der Gipfel erreicht. Einheimische lieben den Blick auf den Flughafen. Touristen schauen über die kleinen und großen Inseln bis zum Horizont und zählen die verschiedenen Blautöne im Meer.

Kerly macht Yoga, um die gewaltige Aussicht von der Ost- bis zur Westseite der Insel angemessen zu würdigen. Er setzt die Hände auf den rissigen Stein und verbeugt sich vor den weithin wallenden grünen Hügeln, den zarten Korallenkreisen im Meer und dem sanft einsetzenden Wind. Zwar dürfen Touristen unter Auflagen wieder ins Land kommen, doch es sind wenige, die das wagen. Noch haben die Seychellois ihre Inseln fast ganz für sich.

Schreibaufenthalt mit Unterstützung durch das Carana Beach Hotel

Text und Bilder erschienen bei dpa Themendienst

 Die Seychelles National Parks Authority hat Trails durch die Nationalparks ausgezeichnet, auf denen sich Touristen und Einheimische bewegen müssen. Einige kosten Eintritt. Informationen: Seychelles Tourist Office, Berner Straße 50, 60437 Frankfurt (Tel. 069/29 72 07 89).

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